23.08.2017 | 12:04


Die Befreiung der Worte

Die Befreiung der Worte

Ein Beitrag aus der Lehrgangsmappe 1 des staatlich zugelassenen Fernstudiums "Das Lyrische Schreiben". 

Dichten lernen heißt, eine neue Sprache lernen. Indem wir die Form wechseln und das gewohnte Erscheinungsbild der Prosa durchbrechen, betreten wir sprachliches Neuland, auch wenn dies zunächst vielleicht unreflektiert geschieht. Schon mit der Absicht, Verse zu schreiben, nimmt unsere Sprache einen anderen Verlauf: Die Sprache wird für uns Material und Handwerkszeug. Wir setzen sie sprachschöpferisch ein und gebrauchen sie als poetische (dichterische) oder lyrische Sprache, die anderen Regeln und Gesetzen folgt. Wir lassen die alltäglichen Bedeutungen der Wörter los und entdecken in neuen Sinnbezügen eine andere Welt, die sich bisher verborgen hielt.

Joseph von Eichendorff, der bekannte Dichter der Romantik, macht offenkundig, was durch diesen Sprachwandel geschieht: 

 

Wünschelrute

Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
triffst du nur das Zauberwort.

Joseph von Eichendorff

 

Wenn Dichter sich über Lyrik äußern, steht immer wieder die Sprache im Zentrum. Sie ist Ausgangspunkt, um vom Vorhandenen ins Mögliche, vom Gesagten ins Ungesagte zu gehen. Für Hilde Domin (*1909, oft noch falsch angegeben mit 1912), die vor der Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten fliehen musste und erst 1954 aus ihrem Exil in Santo Domingo nach Deutschland zurückkehrte, war in der Fremde die Sprache zur zweiten Heimat geworden. Wiedergeboren fühlte sich die Dichterin nach dem Schreiben ihrer ersten Verse und nannte sich von da an Domin als Ableitung von Domingo. Ein Großteil ihrer Lyrik nimmt immer wieder das Thema der Sprache auf.

 

Genesis

Das Wort
der Blick
ändern
erschaffen die Wirklichkeit
den Traum der Wirklichkeit
den Angsttraum der Wirklichkeit
ihren Kern

Hilde Domin

 

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Vögel mit Wurzeln

 Meine Worte sind Vögel
mit Wurzeln

immer tiefer
immer höher
Nabelschnur

Der Tag blaut aus
Die Worte sind schlafen gegangen.

Hilde Domin

 

Beide Gedichte von Hilde Domin zeigen gut, was es heißt, sich in einer neuen lyrischen Sprache auszudrücken. 

Der Beitrag "Die Befreiung der Worte" ist der 1. Lehrgangsmappe des Fernstudiums "Das Lyrische Schreiben" entnommen und wird dort mit zahlreichen Übungsaufgaben vervollständigt.


TIPP: Wollen auch Sie lernen, Form und Sprache gekonnt zu wechseln?  Dann lassen Sie sich die Infomappe zu unserem staatlich geprüften Fernstudium zusenden. Diese können Sie kostenlos  >>> hier anfordern.


 

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