20.09.2017 | 07:42


Wiederholungen und Gegensätze

Wiederholungen und Gegensätze

Ein Beitrag aus der Lehrgangsmappe 1 des staatlich zugelassenen Fernstudiums "Das Lyrische Schreiben" der Bibliothek deutschsprachiger Gedichte.. 

Wiederholung und Gegensatz sind die zwei Grundkomponenten, mit denen wir – auch über die Figuren durchaus strategisch – einen neuen Sinn aufbauen. Wir müssen unseren Leserinnen und Zuhörern gleichsam immer wieder die Richtung sichtbar machen, in der die neue Bedeutung im »leeren Raum« gefunden werden kann. Durch Wiederholungen, Verfeinerung in Nuancen oder durch das Benennen des Gegenteils legen wir die Spur, auf die die Lesenden kommen sollen. Wiederholung stabilisiert, was noch vage ist. Und auchmit dem Gegensatz beleuchten wir aus einer anderen Perspektive das noch eher Unbekannte. Unser Schreiben gleicht einem feinfühligen Umkreisen, das jedoch das ungenannte Zentrum nie aus dem Auge verliert. Präzise »setzen« wir im gelungenen Gedicht unsere Betonungen, schaffen Dichte und freien Gedankenraum. Daher gehören die Figuren und Bilder – viele setzen wir intuitiv – für diese Feinarbeit in jedes lyrische Handgepäck.

Ein Gedicht von Eugen Gomringer (*1925), der der  Konkreten Poesie zuzurechnen ist, kann das »Neuvernetzen« der Wörter verdeutlichen:

worte sind schatten
schatten werden worte

worte sind spiele
spiele werden worte

sind schatten worte
werden worte spiele

sind spiele worte
werden worte schatten

sind worte schatten
werden spiele worte

sind worte spiele
werden schatten worte

Eugen Gomringer

Mit fünf gleich bleibenden Wörtern, die Eugen Gomringer in steter Wiederholung neu kombiniert, werden sechs »Strophen« aufgebaut. Bei den ersten Lektüredurchgängen werden Fügungen durch unser eigenes alltagssprachli-ches Denken assoziert: Wir lesen vielleicht »Schattenworte«, »Wort(e) -spiele« oder »Spiel(e)worte«. Gleichzeitig werden alle uns bekannten Wortverbindungen durch den ununterbrochenen Wechsel immer wieder in Frage gestellt, die konsequente Kleinschreibung kommt für unser Alltagsempfinden»störend« hinzu.

Während die ersten beiden Doppelverse noch einfachen Hauptsätzen gleichen, werden die nachfolgenden vier Doppelverse syntaktisch mehrdeutig: Sind es einzelne Versfragen und / oder Bedingungssätze nach dem Muster »wenn Schatten Worte sind, dann werden Worte Spiele«?

Im Lesen verlagern wir immer mehr unser Interesse vom »Was ist ausgesagt?« zum »Wie ist es ausgesagt?« Es gibt in diesem streng grafischen, fast stereotypen Aufbau, wie er für Eugen Gomringer und viele Vertreter der Kon-kreten Poesie charakteristisch ist, nicht nur Zeilen, sondern wir können auch von oben nach unten die Worte in Spalten nachvollziehen. 

Der Beitrag "Wiederholungen und Gegensätze" ist der 1. Lehrgangsmappe des Fernstudiums "Das Lyrische Schreiben" entnommen und wird dort mit zahlreichen Übungsaufgaben vervollständigt.


TIPP: Wollen auch Sie lernen, diese Ausdrucksmittel gekonnt einzusetzen?  Dann lassen Sie sich die Infomappe zu unserem staatlich geprüften Fernstudium zusenden. Diese können Sie kostenlos  >>> hier anfordern.


Name:
Passwort:
 

Passwort vergessen?

Jetzt registrieren!

schließen